KI und Selbstständigkeit: Welchen Teil deiner Arbeit bezahlt man in fünf Jahren noch einem Menschen?

KI übernimmt. Was bleibt?

Mein Sohn ist in der vierten Klasse. Nach diesem Schuljahr steht der Wechsel auf die weiterführende Schule an, und mit der Schulwahl wird schon eine Richtung eingeschlagen. Eine grobe Vorstellung, wohin es beruflich gehen könnte, sollte er also langsam haben.

Neulich habe ich darüber mit einem Bekannten gesprochen. Er war kurz vorher bei einem Vortrag eines Zukunftsforschers, in dem es um KI ging: was heute schon möglich ist und was in naher Zukunft möglich sein wird. Allen im Saal seien die Augen aus dem Kopf gefallen, hat er erzählt. Wir sind dann schnell bei der Frage gelandet, die mich seitdem nicht mehr loslässt: Wie sollen unsere Kinder einen Beruf wählen, wenn niemand weiß, welche Berufe es noch gibt, wenn sie mit der Schule fertig sind?

Die ehrliche Antwort ist, dass es keiner weiß. Auch kein Zukunftsforscher, so viel er prognostizieren mag. Niemand kann sagen, wohin KI führt und wie schnell das geht.

Ich schreibe hier darüber, weil vor genau dieser Frage gerade jeder Selbstständige steht, nur mit weniger Zeit als ein Viertklässler. Und für Selbstständige gibt es eine Version der Frage, die man heute schon beantworten kann: Welchen Teil deiner Arbeit bezahlt man in fünf Jahren noch einem Menschen? Und sieht man genau diesen Teil heute in deinem Angebot?

Alles auf KI oder beim Handwerk bleiben? Zwei Wetten

Für Unternehmer gibt es gerade grob zwei Wege. Die einen bauen ihr Geschäft so weit wie möglich auf KI um, weil sie glauben, dass sonst in ein paar Jahren nichts mehr von ihnen übrig ist. Die anderen bleiben bei ihrem Handwerk, weil sie überzeugt sind, dass Menschen es immer von einem Menschen wollen.

Ein Freund von mir setzt eher auf den zweiten Weg. Meinem Sohn rät er zur Physiotherapie. Seine Begründung: Dort braucht es jemanden, der am Patienten erspürt, wo es wehtut und wie viel Druck er verträgt, und das werde keine KI können. Vielleicht hat er recht. Vielleicht ist das in zehn Jahren auch anders.

Beides sind Wetten. Welche aufgeht, kann heute niemand seriös sagen. Wer so tut, als wüsste er es, verkauft dir wahrscheinlich gerade etwas.

Auch die KI-Praxis braucht Menschen

Es gibt inzwischen Prognosen, nach denen Roboter in wenigen Jahren besser operieren als die besten Chirurgen, auch am Auge. Technisch halte ich das für machbar. Ob Patienten das wollen, ist eine ganz andere Frage, und ich glaube, da werden die Meinungen weit auseinandergehen.

Und selbst wenn der Roboter operiert: Irgendwer plant den Termin, klärt über den Eingriff auf, nimmt die Angst davor und entscheidet im Zweifel, ob überhaupt operiert wird. Dass man in einer vollständig automatisierten Praxis online einen Termin bucht und sich die Augen operieren lässt, ohne dass zwischendurch ein Mensch mit einem spricht, sehe ich so schnell nicht kommen. In so einer Praxis arbeiten vermutlich deutlich weniger Menschen als heute. Aber es arbeiten dort welche, und spannend ist, was genau sie tun.

Daraus folgt für mich: Die Frage „KI oder Mensch?“ führt in die Irre. Ganze Berufe verschwinden selten auf einen Schlag. Zuerst werden einzelne Aufgaben übernommen, und übrig bleibt der Teil, bei dem jemand Vertrauen braucht, Verantwortung trägt oder etwas spürt, das in keinen Daten steht. Beim Physiotherapeuten ist das das Erspüren. Bei dir ist es etwas anderes, und genau das solltest du benennen können.

Die KI-Schere, die ich bei Kunden sehe

Kunden fragen mich inzwischen regelmäßig, ob das jetzt nicht schneller und billiger gehen müsste, wegen KI. Warum diese Rechnung nicht aufgeht, habe ich in einem eigenen Artikel erklärt. Hier geht es mir um etwas anderes: Viele von ihnen haben selbst noch nie eine KI ausprobiert. Oder höchstens einmal einen Flyer mit ChatGPT gebaut, der dann auch genau so aussieht.

Am Interesse fehlt es selten. Was fehlt, ist eine Vorstellung davon, was KI überhaupt kann und wo man anfängt. Also wird darüber gesprochen, lange und ausführlich, statt es einfach einmal auszuprobieren.

Ich glaube, dass sich hier gerade eine Schere öffnet. Auf der einen Seite stehen die, die KI längst einsetzen und damit ein Tempo aufnehmen, bei dem andere nicht mehr mitkommen. Auf der anderen Seite stehen die, die in drei Jahren immer noch am Konferenztisch sitzen und besprechen, wie man KI nutzen könnte, ohne dass einer von ihnen je eine Taste gedrückt hat.

Ob der komplette Umbau auf KI oder das Festhalten am Handwerk die bessere Wette ist, weiß niemand. Ziemlich sicher ist nur, dass du die Frage ohne eigene Erfahrung nicht beantworten kannst.

Was du jetzt schon tun kannst

Du musst nicht wissen, wie die Welt in zehn Jahren aussieht, um heute die richtigen Schritte zu machen. Diese fünf helfen dir, egal wie die Wette ausgeht.

1. Zerleg deine Arbeit in Aufgaben

Schreib auf, was du in einer normalen Woche tatsächlich machst, Schritt für Schritt. Statt „Kundenbetreuung“ also lieber: Anfrage lesen, Rückfragen stellen, Angebot schreiben, Termin abstimmen, Ergebnis erklären. Auf dieser Ebene verändert KI die Arbeit, also musst du auch auf dieser Ebene hinschauen.

2. Markier den Teil, für den man dich als Mensch bezahlt

Geh die Liste durch und frag dich bei jeder Aufgabe: Würde mein Kunde protestieren, wenn eine Maschine das übernimmt? Wo die Antwort Ja lautet, liegt dein Erspüren. Meist geht es dort um Vertrauen, um Urteilsvermögen oder darum, dass jemand für das Ergebnis geradesteht.

3. Probier den Rest aus

Nimm eine Aufgabe, bei der die Antwort Nein war, und erledige sie diese Woche einmal mit KI. Ohne Konzept und ohne Meeting, einfach als Versuch. Danach weißt du mehr als nach drei Besprechungen über das Thema.

4. Zeig den Menschen-Teil in deinem Angebot

Wenn deine Kunden künftig vor allem für diesen einen Teil bezahlen, müssen sie ihn sehen: auf deiner Website, in deinem Angebot, in deinen Beiträgen. Sieht man ihn nicht, vergleicht man dich mit dem Werkzeug, und beim Preis gewinnt das Werkzeug.

5. Bleib breit

Wer genau eine Sache kann, hat ein Problem, wenn eine KI genau diese Sache übernimmt. Wer mehrere Interessen verfolgt und sich immer wieder in Neues einarbeitet, kann umsteuern. Das gilt für Kinder in der Schule, und es gilt für Unternehmer.

Was ich für meinen Sohn daraus mitnehme

Als Mutter frage ich mich, ob ich ihm jetzt schon möglichst viel über Computer und KI beibringen sollte. Er gehört zu der Generation, die mit dem Smartphone aufgewachsen ist und jetzt mit KI aufwächst. Welchen Beruf er einmal ergreift und ob es den dann noch gibt, weiß ich nicht. Ich glaube aber inzwischen, dass es ihm mehr hilft, viele Interessen zu stärken, als sich früh auf eine einzige Sache festzulegen.

Für dein Unternehmen gilt dasselbe, nur eben jetzt und nicht erst nach dem Schulabschluss. Welcher Teil deiner Arbeit ist dein Erspüren?

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Dir begegnen Begriffe wie Prompt, Token oder KI-Agent, und du willst sicher sein, was dahintersteckt? In meinem Artikel KI-Begriffe erklärt stehen zwanzig Begriffe in Klartext, jeweils mit dem, was sie für dein Business bedeuten.

Häufige Fragen

Wird KI meinen Beruf ersetzen?

Das kann heute niemand seriös vorhersagen. Wahrscheinlicher als das Verschwinden ganzer Berufe ist, dass einzelne Aufgaben übernommen werden. Deshalb lohnt der Blick auf die Aufgaben in deiner Woche mehr als auf die Berufsbezeichnung.

Sollte ich mein Unternehmen jetzt komplett auf KI umbauen?

Nicht auf Verdacht. Fang mit einer einzelnen Aufgabe an, bei der kein Kunde einen Menschen vermissen würde, und schau dir das Ergebnis an. Aus solchen Versuchen entsteht ein Bild davon, wo KI dir wirklich hilft und wo nicht.

Welche Berufe sind vor KI sicher?

Eine verlässliche Liste gibt es nicht. Berufe, in denen Vertrauen, Verantwortung und körperliche Nähe zählen, wirken heute widerstandsfähiger. Wie lange das so bleibt, weiß niemand, und selbst dort verändern sich die Aufgaben.

Wo fange ich mit KI an, wenn ich es noch nie benutzt habe?

Bei einer Aufgabe, die du regelmäßig machst und die dich eher nervt, etwa eine Antwort auf eine häufige Kundenfrage oder die Gliederung für einen Beitrag. Gib der KI dabei so viel Hintergrund über dein Unternehmen wie möglich. Ohne diesen Hintergrund liefert sie dir nur den Durchschnitt.

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