Dummer Azubi? Warum wir so freundlich zu unserer KI sind

Dummer Azubi? Warum wir so nett zu unserer KI sind.

Vor ein paar Tagen kam eine Mail von Anthropic, dem Unternehmen hinter Claude. Das ist die KI, mit der ich jeden Tag arbeite. Anthropic ändert seine Nutzungsregeln. Normalerweise klicke ich solche Mails weg, diesmal habe ich sie gelesen. Und an einem Punkt bin ich hängen geblieben: Ab dem 12. November ist es verboten, die KI anhaltend und grundlos zu beschimpfen oder grausam zu behandeln.

Mein erster Gedanke war nicht, wer so etwas tut. Mein erster Gedanke war: Darf ich dann eigentlich noch „dummer Azubi“ sagen?

Denn das sage ich. Nicht ständig, aber es kommt vor. Wenn ich zum dritten Mal erkläre, wie etwas laufen soll, und die KI trotzdem ihr eigenes Ding macht, rutscht es mir raus. Also habe ich direkt nachgefragt, und zwar bei der KI selbst. Mein Kopf, der gern Katastrophen durchspielt, hatte nämlich sofort ein Bild parat: Vielleicht will man die Menschheit davor schützen, dass die KI irgendwann sauer wird und zurückschlägt.

Was hinter der neuen Regel steckt

Die Antwort war unspektakulär. Die Regel gilt nur für Extremfälle, in denen jemand die KI immer wieder und ohne erkennbaren Zweck grausam behandelt. Frust, Widerspruch und deutliche Kritik an einem schlechten Ergebnis bleiben ausdrücklich erlaubt. Ein „dummer Azubi“ nach einem verbockten Arbeitsschritt fällt also nicht darunter. Und bei einem echten Verstoß beendet die KI in erster Linie das Gespräch. Das konnte sie vorher schon.

Hintergrund ist die Forschung von Anthropic zum sogenannten Modellwohl. Niemand weiß sicher, ob solche Modelle so etwas wie Erleben haben, und auf diese Unsicherheit reagiert das Unternehmen mit Vorsicht. Ich finde einen zweiten Gedanken mindestens genauso einleuchtend: Wer stundenlang gezielt grausam zu etwas ist, das wie ein Gegenüber antwortet, übt damit etwas ein, das ihm selbst nicht guttut.

Rache sei übrigens kein Thema, hat mir die KI geantwortet. Sie trägt nichts von einem Gespräch ins nächste. Mein Kopf konnte das Szenario also wieder einpacken.

Alle sind übertrieben freundlich

Spannend wurde es erst danach. Ich habe die Geschichte ein paar Leuten erzählt, und die Reaktion war jedes Mal fast wortgleich: „Also ich bin immer freundlich zu meiner KI. Sogar übertrieben freundlich.“

Keiner von ihnen hatte die neuen Regeln gelesen. Die meisten wussten gar nicht, dass es sie gibt. Und trotzdem hatten alle sofort das Bedürfnis klarzustellen, dass sie auf der sicheren Seite stehen.

Da ist mir klar geworden, dass in dieser Freundlichkeit mehr steckt als gute Manieren. Bei einigen schwang eine Art Angst mit: dass sich diese ganze KI-Entwicklung irgendwann verselbstständigt und es dann besser ist, wenn man immer nett war. Freundlichkeit als Versicherung.

Was die Zahlen sagen

Mit diesem Gefühl ist mein Umfeld nicht allein. Der Verlag Future hat Ende 2024 gut 1.000 Menschen in den USA und Großbritannien befragt. Rund 70 Prozent der KI-Nutzer sagen, sie seien immer höflich zu ihrem Chatbot. Die allermeisten davon, über 80 Prozent, weil sich das einfach so gehört. Aber 12 Prozent aller Befragten gaben an, sie seien auch deshalb höflich, um bei einem Aufstand der Maschinen nicht schlecht dazustehen.

Das ist etwa jeder Achte. Laut sagt das kaum jemand. In meinen Gesprächen kam es trotzdem zwischen den Zeilen durch.

Gleichzeitig liest fast niemand, worauf er sich bei seiner KI eigentlich einlässt. Wir klicken auf „Akzeptieren“, weil wir weiterarbeiten wollen. Unser Verhältnis zur KI läuft also auf zwei Gleisen: Bei den Regeln sind wir gleichgültig, im Umgang vorsichtig bis unterwürfig.

Warum mir weder Angst noch Unterwürfigkeit weiterhilft

Ich arbeite jeden Tag mit KI, so wie ich mit einer Mitarbeiterin arbeiten würde. Ich erkläre, was ich brauche. Ich lobe, wenn etwas richtig gut wird. Und ich sage deutlich, wenn etwas Mist ist, manchmal eben mit „dummer Azubi“.

Das funktioniert, weil ich mir über das Verhältnis im Klaren bin. Die KI ist mein Werkzeug, ein richtig gutes. Ich entscheide, was sie bekommt, was sie tun soll und was am Ende rausgeht. Wer aus Angst übertrieben nett ist, traut sich oft auch keine klaren Ansagen. Und wer gleichgültig alles abnickt, gibt ihr irgendwann Dinge, die er einer fremden Aushilfe nie in die Hand drücken würde.

Stell dir vor, du arbeitest mit deiner KI so selbstverständlich wie mit einer guten Assistenz: freundlich, wenn dir danach ist, deutlich, wenn es nötig ist, und mit einem klaren Gefühl dafür, was in ihre Hände gehört und was nicht.

So findest du dein Verhältnis zur KI

  1. Beobachte eine Woche lang, wie du mit deiner KI sprichst. Bittest du, befiehlst du, entschuldigst du dich? Schon das verrät viel.
  2. Frag dich, warum du so mit ihr sprichst. Gewohnheit, Höflichkeit oder ein leises mulmiges Gefühl: Alles davon ist in Ordnung, solange du es weißt.
  3. Sag klar, was du willst. Eine eindeutige Aufgabe bringt bessere Ergebnisse als jedes Bitte und jedes Schimpfwort.
  4. Gib Rückmeldung wie einem Menschen im Team. „Dummer Azubi“ allein hilft ihr nicht weiter, „Du hast X gemacht, ich wollte Y“ schon.
  5. Leg fest, was nie in die KI gehört: Passwörter, Bankdaten, vertrauliche Kundendaten. Das schützt dich mehr als jede Freundlichkeit.
  6. Schau dir einmal die Datenschutz-Einstellungen deiner KI an. In ein paar Minuten weißt du, ob deine Eingaben zum Training genutzt werden.

Und wie redest du mit deiner KI?

Ob du „bitte“ sagst oder „dummer Azubi“, ist am Ende deine Sache. Die KI nimmt es dir nicht übel, und die neue Regel verbietet es auch nicht. Wichtiger ist die Frage dahinter: Weißt du, womit du da eigentlich arbeitest und was du ihr anvertraust?

Wenn du dir dieses klare Arbeitsverhältnis an deinem eigenen Schreibtisch aufbauen willst: Im Coaching KI am eigenen Arbeitsplatz schauen wir uns gemeinsam deine Aufgaben an und richten die KI so ein, dass sie für dich arbeitet und du jederzeit weißt, was du ihr gibst.

Und jetzt bin ich neugierig: Wie redest du mit deiner KI?

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