Wer bei ChatGPT gefunden werden will, muss bei Bing gut ranken. Diesen Satz habe ich in den letzten Monaten in Webinaren, Kursen und Newslettern so oft gelesen, dass er in meinen eigenen Notizen stand, als wäre er eine Tatsache. Bevor ich daraus eine Aufgabe gemacht habe, habe ich ihn prüfen lassen. Das Ergebnis: Für ChatGPT stimmt er nicht mehr. Die aktuelle Datenlage zeigt, dass ChatGPT seine Suchergebnisse heute zum größten Teil aus einem eigenen Index von OpenAI und aus Google bezieht. Bing taucht in der größten öffentlich dokumentierten Messung gar nicht auf.
Für dich heißt das: Wenn du Zeit in deine Sichtbarkeit in KI-Antworten steckst, gehört sie zuerst in deine Google-Sichtbarkeit und in eine Website, die Maschinen ohne Umwege lesen können. Bing ist nicht wertlos, aber aus einem anderen Grund, als die meisten denken.
Warum der Bing-Satz so hartnäckig ist
Der Satz hatte einmal eine gute Grundlage. Im Mai 2023 haben Microsoft und OpenAI angekündigt, dass Bing die Standardsuche in ChatGPT wird. Anfang 2025 hat eine Auswertung von Seer Interactive gezeigt, dass rund 87 Prozent der Quellen in der damaligen ChatGPT-Suche mit den Top-Ergebnissen von Bing übereinstimmten. Wer sich zu diesem Zeitpunkt mit dem Thema beschäftigt hat, hatte also recht.
Das Problem ist, dass sich dieser Stand verselbstständigt hat. Er wird weitergegeben, ohne dass jemand nachschaut, ob er noch gilt. Eine Nachprüfung vom April 2026 kam bei 400 Suchanfragen nur noch auf 27 Prozent Übereinstimmung mit Bing.
Was die größte Messung 2026 zeigt
Im Juli 2026 hat die französische Agentur RESONEO ausgewertet, woher ChatGPT seine Suchergebnisse tatsächlich holt. Grundlage waren 1.249 echte Antworten mit 88.000 Suchergebnissen, gemessen mit kostenlosen und bezahlten Konten aus mehreren Ländern. Die Agentur hat markierte Testseiten eingesetzt und die technischen Metadaten der Antworten mitgeschnitten. Das Ergebnis unterscheidet sich je nach Konto deutlich:
| Kostenloses ChatGPT | Bezahltes ChatGPT (Denkmodus) | |
|---|---|---|
| OpenAI-eigener Index („labrador“) | 63,6 % | 23,6 % |
| Google-Ergebnisse | 34,7 % | 74,6 % |
| Sonstige | 1,6 % | 1,9 % |
| Bing | nicht beobachtet | nicht beobachtet |
Zu Bing schreibt RESONEO, man habe diese Quelle auf keinem Konto, in keinem Modus und an keinem Tag gesehen. Der eigene Index von OpenAI ist dabei auch kein umbenanntes Bing: Titel und Textausschnitte unterscheiden sich so deutlich, dass die Agentur diese Erklärung ausschließt.
Besonders aufschlussreich finde ich eine zweite Zahl aus derselben Studie. Von 58.000 Seiten, die ChatGPT bei der Suche abgerufen hat, wurden 5.000 im Text zitiert und nur 760 tatsächlich geöffnet und gelesen. Seiten, die geöffnet wurden, landeten zu 74 Prozent als Quelle in der Antwort. Seiten, die nur in der Trefferliste auftauchten, zu 7 Prozent. Gefunden werden reicht also nicht. Deine Seite muss so gebaut sein, dass die KI sie öffnet und versteht.
Welche KI wo nachschaut
ChatGPT ist nicht die einzige KI, die deine Kunden fragen. Die anderen greifen auf unterschiedliche Quellen zu:
- Google mit KI-Übersichten und KI-Modus nutzt den Google-Index. Google schreibt selbst, dass es dafür keine zusätzlichen Anforderungen und keine speziellen Optimierungen gibt.
- Gemini sucht ebenfalls über Google.
- Microsoft Copilot arbeitet mit dem Bing-Index. Hier ist Bing tatsächlich der Weg.
- Perplexity betreibt einen eigenen Index mit nach eigener Aussage Hunderten Milliarden Seiten.
- Claude nutzt für die Websuche Brave Search.
Rechnet man das zusammen, führt bei den meisten Systemen ein Weg über Google. Wer dort sauber indexiert ist und gut rankt, wird in KI-Übersichten, in Gemini und im bezahlten ChatGPT deutlich wahrscheinlicher gefunden. Bing brauchst du vor allem für Copilot, und das ist bei Unternehmen, die mit Microsoft 365 arbeiten, kein Randthema.
Der Schalter, den viele aus Versehen umlegen
Ob deine Website in ChatGPT überhaupt auftauchen kann, entscheidet eine kleine Textdatei auf deinem Server: die robots.txt. OpenAI schickt drei verschiedene Programme los, und sie haben verschiedene Aufgaben:
- OAI-SearchBot sorgt dafür, dass deine Seiten in der ChatGPT-Suche erscheinen. Sperrst du ihn, wirst du dort laut OpenAI nicht mehr angezeigt.
- GPTBot sammelt Texte für das Training der Modelle. Sperrst du ihn, landen deine Inhalte nicht im Training. Auf deine Sichtbarkeit in der Suche hat das keinen Einfluss.
- ChatGPT-User ruft Seiten ab, wenn jemand im Chat ausdrücklich danach fragt.
In der Praxis sehe ich immer wieder Websites, auf denen ein Sicherheits- oder Cookie-Plugin pauschal alle KI-Programme aussperrt. Wer seine Texte nicht ins Training geben will, sperrt GPTBot und lässt OAI-SearchBot offen. Für Perplexity gilt dasselbe mit PerplexityBot.
Was die KI auf deiner Seite gar nicht sieht
Die Programme von OpenAI, Anthropic, Perplexity und anderen führen kein JavaScript aus. Das hat eine Untersuchung von Vercel und MERJ gezeigt, die allerdings von Ende 2024 stammt. Alles, was deine Seite erst nachträglich per Skript lädt, bleibt für diese Programme leer: Preise aus einem Rechner, Bewertungen aus einem Widget, ganze Textblöcke in manchen Baukasten-Seiten.
Den Test kannst du in einer Minute selbst machen. Schalte in deinem Browser JavaScript aus und lade deine wichtigste Seite neu. Was dann fehlt, sieht die KI auch nicht.
Was wirklich zitiert wird
Eine Auswertung von Kevin Indig über 1,2 Millionen ChatGPT-Antworten hat gezeigt, dass 44,2 Prozent der Zitate aus dem ersten Drittel eines Textes stammen. Aus dem letzten Drittel kommen nur 24,7 Prozent. Wer lange einleitet, wird übersprungen.
Dazu passt eine Studie der Princeton University und weiterer Hochschulen (Aggarwal und andere, vorgestellt 2024). Sie hat getestet, welche Änderungen an einem Text die Sichtbarkeit in KI-Antworten erhöhen. Am stärksten wirkten Quellenangaben, wörtliche Zitate und konkrete Zahlen, mit bis zu 40 Prozent mehr Sichtbarkeit. Das Vollstopfen mit Suchbegriffen brachte so gut wie nichts. Die Studie lief unter Laborbedingungen, die Richtung deckt sich aber mit dem, was ich bei meinen Kunden sehe.
Wie du deine Texte gezielt so aufbereitest, dass KI-Antworten sie aufgreifen, zeige ich ausführlich im Artikel KI-Auffindbarkeit.
Ein Beispiel aus meiner eigenen Arbeit: Für einen Kunden aus dem Holzbau habe ich rund um eine Messe konsequent Inhalte veröffentlicht, mit Blogartikeln, Ankündigungen und Beiträgen. Wer danach ChatGPT nach der Messe gefragt hat, bekam meinen Kunden an vorderster Stelle genannt, noch vor dem Veranstalter selbst. Dafür war kein Trick nötig. Die Inhalte waren aktuell, klar formuliert und bei Google gut auffindbar.
So prüfst du deine Website in einer halben Stunde
- Google-Indexierung prüfen. Gib bei Google
site:deinedomain.deein. Fehlen wichtige Seiten, sieh in der Google Search Console nach, warum. - robots.txt öffnen. Rufe
deinedomain.de/robots.txtauf und such nach OAI-SearchBot, PerplexityBot und Bingbot. Keiner davon sollte gesperrt sein. - JavaScript-Test machen. JavaScript im Browser ausschalten, wichtigste Seite neu laden, fehlende Inhalte notieren.
- Den ersten Absatz prüfen. Steht die Antwort auf die Frage, für die jemand auf deine Seite kommt, in den ersten drei Sätzen?
- Vage Sätze ersetzen. Jedes „viele zufriedene Kunden“ durch eine Zahl, jede Behauptung durch eine Quelle oder ein konkretes Beispiel.
- Bing Webmaster Tools einrichten, wenn deine Kunden Microsoft nutzen. Dort siehst du seit Februar 2026 sogar, wie oft Copilot deine Seiten zitiert.
Findet die KI deine Website?
Die Website-Analyse prüft deine Seite aus fünf Perspektiven, auch darauf, ob Suchmaschinen und KI sie sauber lesen können. Das Ergebnis hast du in wenigen Minuten.
Häufige Fragen
Brauche ich Bing überhaupt noch?
Für ChatGPT kaum, für Microsoft Copilot schon. Wenn deine Kunden in Büros mit Microsoft 365 arbeiten, lohnt sich die Anmeldung in den Bing Webmaster Tools. Sie kostet eine Viertelstunde.
Soll ich GPTBot sperren?
Das ist eine Haltungsfrage. Wer nicht möchte, dass seine Texte ins Training einfließen, sperrt GPTBot. Die Sichtbarkeit in der ChatGPT-Suche hängt am OAI-SearchBot, und der sollte offen bleiben.
Gibt es spezielle Tricks für KI-Suchmaschinen?
Google sagt dazu klar: keine zusätzlichen Anforderungen, keine Spezialdateien. Was hilft, sind die Grundlagen, konsequent umgesetzt: sauber indexierte Seiten, Inhalte im normalen Seitentext, die Kernaussage am Anfang, Zahlen und Quellen.
Warum zeigt ChatGPT bei mir andere Quellen als bei meiner Kollegin?
Weil kostenlose und bezahlte Konten unterschiedlich suchen. Laut RESONEO greift die kostenlose Version überwiegend auf den eigenen Index von OpenAI zu, die bezahlte überwiegend auf Google.
Quellen
- RESONEO, „ChatGPT retrieval“, Juli 2026: https://think.resoneo.com/chatgpt-retrieval/
- CNBC, Microsoft macht Bing zur Standardsuche in ChatGPT, 23.05.2023: https://www.cnbc.com/2023/05/23/microsoft-says-bing-can-be-default-search-engine-for-chatgpt-users.html
- Seer Interactive, 87 % der SearchGPT-Zitate entsprechen Bing, 06.02.2025: https://www.seerinteractive.com/insights/87-percent-of-searchgpt-citations-match-bings-top-results
- AI+Automation, Replikation der Bing-Studie, 05.04.2026: https://aiplusautomation.com/blog/bing-replication-chatgpt-citations
- OpenAI, Overview of OpenAI Crawlers: https://developers.openai.com/api/docs/bots
- Google Search Central, KI-Funktionen und deine Website (Stand 10.12.2025): https://developers.google.com/search/docs/appearance/ai-features
- Bing Webmaster Blog, AI Performance in Bing Webmaster Tools, 10.02.2026: https://blogs.bing.com/webmaster/February-2026/Introducing-AI-Performance-in-Bing-Webmaster-Tools-Public-Preview
- Perplexity, Introducing the Perplexity Search API, 25.09.2025: https://www.perplexity.ai/hub/blog/introducing-the-perplexity-search-api
- Vercel, The rise of the AI crawler, 17.12.2024: https://vercel.com/blog/the-rise-of-the-ai-crawler
- Kevin Indig über Search Engine Land, Zusammenfassung bei ALM Corp, 19.02.2026: https://almcorp.com/blog/chatgpt-citations-study-44-percent-first-third-content/
- Aggarwal u. a., GEO: Generative Engine Optimization, KDD 2024: https://arxiv.org/abs/2311.09735
